ACTA und die Grundrechte

Falls etwas „ad acta“ gelegt wird, ist es erledigt - eben „zu den Akten“.

Wenn man sich dagegen zu ACTA äußerte, wurde man bis Ende Januar dieses Jahres noch komisch angeschaut, da „ACTA“ in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben war. Mir übrigens auch. Denn nicht einmal auf den Internetseiten der „relevanten“ Parteien in Deutschland war darüber etwas Nennenswertes zu finden.

Es ist eine internationale Vereinbarung, die in Deutschland häufig als „Anti-Piraterie-Abkommen“ bezeichnet wird. Formell heißt es „Anti-Counterfeiting Trade Agreements“ oder eben „ACTA“.

Prinzipiell ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn international etwas gegen Raubkopien unternommen wird. Aber dass die Netzbetreiber vielleicht alle E-Mails und Downloads zu überwachen haben, ob dort illegale Kopien verschickt werden, und der Zoll untersuchen dürfte, ob ich auf meinem Notebook ein „geraubtes“ Musikstück schmuggle – das wäre schon ein starkes Stück. Und das könnte letztlich dazu führen, dass alles untersucht wird, was ich als Privatperson empfange, sende oder gespeichert habe.

Am meisten stößt bei mir dabei auf, dass die „ACTA“-Verhandlungen über viele Jahre unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden haben. Das Bestreben einiger außereuropäischer ACTA-Verhandlungspartner auf Geheimhaltung der Besprechungen war geradezu skandalös und nährt den Verdacht, dass die eigentlichen Absichten im Dunklen bleiben sollen. Liegen für schwammige Texte schon Interpretationen vor, die wir nicht kennen sollen?

Das wird natürlich von denjenigen, die an der Formulierung des Abkommens beteiligt waren, heftig bestritten. Klar ist aber, dass etliche Bestimmungen tatsächlich Auslegungen zu Lasten der Bürgerinnen und Bürger zulassen, auch wenn dies vielleicht nicht beabsichtigt war. Dieses Problem spitzt sich noch mehr zu, wenn man berücksichtigt, dass ACTA in drei Sprachen abgefasst worden ist: englisch, französisch und spanisch (siehe Art. 44). Und wie schwierig es dann werden kann, wenn bestimmte wichtige Begriffe ins Deutsche übersetzt werden, sieht man bei jedem Blick ins Wörterbuch, wenn dutzende von Vorschlägen für eine korrekte Übersetzung gemacht werden.

Da hat die Europäische Kommission am 22.02.2012 gerade noch die Kurve gekriegt, wenn jetzt erst einmal durch den europäischen Gerichtshof überprüft werden soll, ob das ACTA-Abkommen bestehendes EU-Recht verletzt oder darüber hinausgeht. Grundrechte und europäische Standards der Freizügigkeit und des Datenschutzes müssen auch in Zukunft unangetastet bleiben. Zudem muss das Recht auf informationelle Selbstbestimmung garantiert werden.

Und was hat die Bundesregierung bisher gemacht? Den Erschrockenen gespielt, als die Bürgerinnen und Bürger wegen ACTA auf die Straße gingen und drückt sich jetzt vor der Verantwortung. Dabei hatte der EU-Ministerrat dem Abkommen längst zugestimmt – natürlich mit uneingeschränktem Wissen der deutschen Regierung.

Ein entschiedener Kampf gegen die Produktpiraterie ist richtig und erforderlich. Aber Regelungen, wie sie für den Internetbereich vorgesehen sind, dürfen nicht dazu führen, dass unsere Grundrechte und elementaren Freiheiten eingeschränkt werden. Oder?

Jörg Bergmann, 12.03.2012

Ergänzung:
Das Europäische Parlament hat am 04.07.2012 ACTA gestoppt.

Suchen

News

07.03.2021 14:31 Frauentag: Keine Rückschritte zuzulassen!
Zum Internationalen Frauentag lenkt SPD-Fraktionsvizin Gabriela Heinrich den Blick auf die Frauen in den Ländern des Globalen Südens. Gerade diese stünden in der Pandemie besonders unter Druck. „Frauenrechte stehen in der Pandemie besonders unter Druck. Die Fortschritte, die Frauen und Mädchen in den letzten Generationen erkämpft haben, sind in Gefahr. Die Pandemie verdeutlicht die Ungleichheiten

07.03.2021 13:21 Dirk Wiese zur Einigung über Strafrechtsverschärfung bei sexuellem Missbrauch von Kindern
Die Koalition hat sich geeinigt, strafrechtlich schärfer gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder vorzugehen. Für SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese ein besonders wichtiger Schritt. „Bei der Bekämpfung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Kinderpornografie ist die Verständigung der Koalitionsfraktionen ein besonders wichtiger Schritt. Gleichzeitig ist es die notwendige Reaktion auf die zahlreichen Missbrauchsfälle in den letzten Jahren. Die

07.03.2021 12:20 Gabriela Heinrich zum 20-jährigen Jubiläum des Deutschen Instituts für Menschenrechte
Das Deutsche Institut für Menschenrechte wird 20 Jahre alt! SPD-Fraktionsvizin Gabriela Heinrich würdigt die herausragende Arbeit und fordert eine bessere finanzielle Ausstattung des Instituts. „Seit 20 Jahren ist das Deutsche Institut für Menschenrechte eine starke Stimme für Menschenrechte in Deutschland. Heute ist das Institut nicht mehr aus unserer Menschenrechtspolitik wegzudenken. Es ist Dreh- und Angelpunkt

Ein Service von websozis.info

Counter

Besucher:171425
Heute:19
Online:2